Diakonie Sachsen fordert verlässliche Unterstützung und Schutz des Kindeswohls
In der Vorweihnachtszeit, in der Familie und Geborgenheit besonders im Mittelpunkt stehen, weist die Diakonie Sachsen auf die zunehmend prekäre Situation von Pflegekindern und ihren Pflegefamilien hin. Kommunale Sparmaßnahmen und strukturelle Engpässe verschärfen die Lage, teilweise mit dramatischen Folgen.
„Wenn Haushaltskürzungen in Jugendämtern dazu führen, dass notwendige Hilfen verzögert oder Pflegeverhältnisse frühzeitig beendet werden, dann werden die Rechte und Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder bewusst aufs Spiel gesetzt“, sagt Dietrich Bauer, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Sachsen. „Wir erleben in den diakonischen Beratungsstellen täglich, dass Familien und Kinder mit ihren Sorgen und Belastungen allein gelassen werden.“
Zunehmende Belastungen und riskante Sparmaßnahmen
Der Bedarf an Pflegefamilien steigt seit Jahren, besonders in Dresden, Leipzig und Chemnitz. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Bewerber. Besonders für Kinder mit Behinderung oder erhöhtem Förderbedarf fehlen geeignete Pflegefamilien. Zudem versuchen erste Kommunen, das landesweit festgelegte Pflegegeld zu kürzen. Betroffen sind vor allem Verwandtenpflegeverhältnisse in Sozialwohnungen. Die Begründung: Durch geringere Mietkosten werde der Kindesunterhalt nicht vollständig benötigt. „Das ist nicht nur sozial ungerecht, sondern gefährdet die Stabilität der Pflegeverhältnisse“, betont Christin Dörbeck, Referentin für Kinder- und Jugendhilfe der Diakonie Sachsen. Die Alternative ist dann eine deutlich teurere Unterbringung in einer Wohngruppe ohne Bezug zur Familie.
Besonders dramatisch wirkt sich aus, dass notwendige Hilfen – etwa Schulbegleitung oder therapeutische Unterstützung – nach Zuständigkeitswechseln oft wochenlang ausbleiben. Für die betroffenen Kinder bedeutet das: Ausschluss vom Schulalltag sowie massive Belastungen für die Pflegefamilien.
Ein weiteres Problem ist, dass einer Verlängerung der Pflege über das 18. Lebensjahr hinaus vielfach vermieden wird, obwohl die Verselbstständigung mit der Volljährigkeit nicht der Realität entspricht. Mit der Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes wurde der Anspruch der Betroffenen auf Hilfe auch nach dem 18. Lebensjahr gestärkt. Die Realität zeigt jedoch, dass Hilfen einfach beendet werden, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für den jungen Menschen zu nehmen.
Situation in Bereitschaftspflegefamilien spitzt sich zu
Auch Bereitschaftspflegefamilien, die häufig Neugeborene oder sehr kleine Kinder in akuten Krisen vorübergehend aufnehmen, geraten zunehmend an ihre Grenzen. Viele Kinder kommen mit gesundheitlichen Schäden nach Alkohol- oder Drogenkonsum der Mutter in der Schwangerschaft zur Welt. Frühzeitige Entlassungen aus Kliniken führen dazu, dass oft keine ausreichende gesundheitliche Stabilisierung stattfindet und die Bereitschaftspflegefamilien mit den besonderen Bedarfen allein gelassen werden. Aus Kostengründen werden die Kinder dann schnellstmöglich weitervermittelt – oft in Kleinkindwohngruppen.
„Diese Kinder brauchen insbesondere Ruhe, Schutz und Zeit, um anzukommen. Wenn Diagnostik abgebrochen oder Übergänge beschleunigt werden, ist das ein klarer Verstoß gegen das Kindeswohl“, sagt Dörbeck.
Stärkung der Pflegekinderhilfe dringend notwendig
Das von der Diakonie Sachsen unterstützte Netzwerk „Arbeit mit Pflegefamilien und Erziehungsstellen Sachsen“ macht deutlich, dass Pflege nur gelingen kann, wenn Familien auf stabile Rahmenbedingungen vertrauen können. „Was Familien brauchen, ist kein höheres Pflegegeld, sondern Verlässlichkeit, Anerkennung und gute Zusammenarbeit“, so Bauer. „Wer einem Kind mit einem ganzen Koffer voller emotionaler und gesundheitlicher Belastungen ein Zuhause gibt, darf nicht das Gefühl haben, nach der Vermittlung mit dieser großen Aufgabe allein dazustehen.“
Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Jugendämtern ist dafür essenziell. Hilfen müssen zuverlässig fortgeführt werden – unabhängig davon, welches Amt gerade zuständig ist oder ob intern gespart wird. Unterbrechungen treffen immer die Kinder und gefährden dauerhaft die Stabilität der Pflegeverhältnisse.
Verantwortung von Land und Kommunen
Die Diakonie Sachsen warnt davor, Haushaltsschwierigkeiten auf dem Rücken der Schwächsten auszutragen. Fehlende Fachkräfte, wegbrechende Entlastungsangebote und Kooperationen führen dazu, dass Pflegeverhältnisse beendet werden und Kinder in teurere stationäre Hilfen wechseln.
„Wir brauchen arbeitsfähige Jugendämter und ausreichend finanzierte Angebote an der Basis“, so Bauer. „Nur so können wir allen Kindern in Sachsen – unabhängig von ihren Startbedingungen ins Leben – die Chancen geben, die ihnen zustehen.“
Über das Netzwerk
Das Netzwerk „Arbeit mit Pflegefamilien und Erziehungsstellen Sachsen“ ist ein Zusammenschluss verschiedenster Träger der Jugendhilfe – von kleinen Vereinen bis zu großen diakonischen Werken. Es setzt sich für bessere Rahmenbedingungen, kinderrechtsorientierte Hilfen und eine inklusionsgerechte Pflegekinderhilfe ein.
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