Der tragische Fund eines toten Mannes in einer Dresdner Tiefgarage lenkt den Blick erneut auf die Situation wohnungsloser Menschen im Freistaat. Die Diakonie Sachsen nimmt den Vorfall zum Anlass, auf qualitative Mängel in der gemeindlichen Notversorgung hinzuweisen. Der evangelische Wohlfahrtsverband fordert die Einführung verbindlicher Mindeststandards für Unterkünfte sowie wirkungsvolle Hilfesysteme, damit Notunterkünfte nicht zur Dauerlösung werden.
Systemdefizit statt Einzelfall
Zwar kommen die sächsischen Städte und Gemeinden ihrer gesetzlichen Pflicht zur Unterbringung grundsätzlich nach, doch kritisiert die Diakonie, dass die Qualität teils erheblich variiert und in Einzelfällen das gebotene Maß an Menschenwürde unterschreitet. Als problematisch gelten insbesondere Unterkünfte in Containerbauweise, die nur mit Bett und Toilette ausgestattet sind. Sie sind baulich auf eine einfache Reinigung ausgelegt, nicht aber auf menschenwürdiges Wohnen.
Das strukturelle Hauptproblem ist die fehlende Perspektive. Was als Überbrückung für wenige Tage gedacht ist, wird für viele Betroffene zum Dauerzustand über mehrere Jahre. Der Grund für diese „Verwahrungsfalle“ ist der fehlende Zugang zum regulären Wohnungsmarkt. Überschuldung, negative Schufa-Einträge oder verzögerte Kostenzusagen der Behörden verhindern einen Mietvertragsabschluss.
Diakonie Sachsen fordert Umsteuern
Dietrich Bauer, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Sachsen, warnt angesichts dieser Zustände vor einer bloßen Verwaltung des Elends. „Ein Dach über dem Kopf allein reicht nicht, wenn die Würde vor der Tür bleiben muss“, so Bauer. Wer Menschen über Jahre nur notversorgt, entziehe ihnen die Kraft, jemals wieder auf die Beine zu kommen. Dies sei kein individuelles Scheitern, sondern ein politisches Versäumnis. Bauer fordert daher eine Garantie, „dass Notunterkünfte Brücken zurück in die Gesellschaft sind und keine Sackgassen.“
Fehlende Beratung verschärft die Lage
Die Qualität der Unterstützung hängt in Sachsen stark vom Wohnort ab. Während Kommunen vielerorts auf professionelle Beratung setzen, lassen andere Betroffene weitestgehend allein. Rotraud Kießling, Referentin für Wohnungsnotfallhilfe, kritisiert: „Fehlende Beratung und versperrte Zugänge zum Wohnungsmarkt führen dazu, dass sich Notlagen verfestigen. Es ist inakzeptabel, wenn Menschen jahrelang in Notquartieren nächtigen müssen, weil es keine passenden Wohnungen gibt.“ Abhilfe könnten verbindliche Belegungsbindungen und Kooperationen mit der Wohnungswirtschaft schaffen.
Konstruktive Wege aus der Krise
Die Diakonie Sachsen fordert die sächsischen Städte und Gemeinden auf, ihre Ortssatzungen zu überprüfen und Mindeststandards für eine menschenwürdige Unterbringung festzuschreiben, die über den reinen Kälteschutz hinausgehen. Orientierung bietet der im Rahmen des „Nationalen Aktionsplans zur Überwindung von Obdach-/Wohnungslosigkeit bis zum Jahr 2030“ nun veröffentlichte „Leitfaden für die Unterbringung wohnungsloser Menschen“. Parallel dazu müssen die Angebote der Wohnungsnotfallhilfe wie Beratungsstellen oder Ambulant betreutes Wohnen auch zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit flächendeckend auf- und ausgebaut werden. Nur durch rechtzeitige Übernahme von Mietrückständen und professionelle Begleitung kann der Verlust der eigenen Wohnung im Vorfeld verhindert werden, bevor die Notunterkunft zur einzigen Option wird.



