Die Diakonie Sachsen sieht die aktuellen UNICEF-Befunde zum kindlichen Wohlbefinden als deutlichen Handlungsauftrag für Politik und Gesellschaft. Insbesondere die Entwicklung bei Schulabbrüchen, psychischen Erkrankungen junger Menschen und den Hilfen zur Erziehung zeige, dass sich soziale Ungleichheiten auch in Sachsen zunehmend verfestigen.
„Wenn immer mehr junge Menschen ohne Abschluss bleiben, psychisch erkranken oder erst spät Unterstützung erhalten, dann zeigt sich: Die Chancen auf gutes Aufwachsen sind noch immer zu stark von der sozialen Herkunft abhängig“, erklärt Dietrich Bauer, Vorstandsvorsitzender des evangelischen Wohlfahrtsverbandes. „Sachsen darf sich nicht auf guten Durchschnittswerten im Bildungssystem ausruhen. Entscheidend ist, wie es den Kindern und Jugendlichen geht, die besondere Unterstützung brauchen. Wer jungen Menschen frühzeitig gute Bildungs- und Entwicklungschancen eröffnet, stärkt damit auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.“
Der aktuelle UNICEF-Innocenti-Report Card 20 bewertet das kindliche Wohlbefinden in Deutschland im internationalen Vergleich nur mit Rang 25 von 44 Ländern. Kritisiert werden insbesondere mangelnde Bildungsgerechtigkeit, ungleiche Teilhabechancen sowie zunehmende psychische Belastungen junger Menschen.
Für Sachsen zeigen aktuelle Daten eine besondere Zuspitzung dieser Entwicklungen. 2024 verließen 3.075 Jugendliche die Schule ohne Abschluss; die Quote lag mit 9,1 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Zugleich erhielten 2024 mehr als 63.200 Kinder und Jugendliche im Freistaat Hilfen zur Erziehung – ein Anstieg um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr.
„Die hohe Zahl erzieherischer Hilfen verweist auch darauf, dass soziale Belastungen häufig nicht früh genug aufgefangen werden“, sagt Christin Dörbeck, Referentin für Kinder- und Jugendhilfe der Diakonie Sachsen. „Wir brauchen deutlich stärkere armutssensible Prävention, stabile Unterstützungsstrukturen im Sozialraum und verlässliche Übergänge von der Kita bis in Ausbildung und Beruf. Junge Menschen brauchen Perspektiven, damit sie ihre Fähigkeiten entfalten und ihren Platz in unserer Gesellschaft finden können.“
Besonders alarmierend sei zudem die Entwicklung psychischer Erkrankungen junger Menschen. Nach Auswertungen des BARMER-Instituts stieg die Zahl diagnostizierter Depressionen bei 5- bis 24-Jährigen in Sachsen zwischen 2018 und 2023 um knapp 48 Prozent von 9.900 auf 14.600 Betroffene – deutlich stärker als im Bundesdurchschnitt.
Die Diakonie Sachsen drängt deshalb auf eine integrierte Strategie von Jugendhilfe, Schule, Gesundheitswesen und kommunaler Sozialplanung. Notwendig seien eine bessere psychosoziale Versorgung junger Menschen, frühzeitige Unterstützungssysteme sowie mehr politische Aufmerksamkeit für die ungleich verteilten Risiken des Aufwachsens. Investitionen in Kinder und Jugendliche seien dabei nicht nur sozialpolitisch notwendig, sondern auch entscheidend für die langfristige Stabilität und Entwicklung der Gesellschaft.
„Gerade Sachsen zeigt, dass gute Leistungswerte im Bildungssystem nicht automatisch soziale Gerechtigkeit bedeuten“, so Dörbeck. „Hohe Standards helfen wenig, wenn gleichzeitig zu viele junge Menschen den Anschluss verlieren.“
Hintergrund:
Die Einschätzungen beziehen sich unter anderem auf den aktuellen UNICEF-Innocenti-Report Card 20 zum kindlichen Wohlbefinden sowie auf Daten des Statistischen Landesamtes Sachsen und Auswertungen der BARMER.
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