Anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai warnt die Diakonie Sachsen vor einer zunehmenden Aushöhlung von Teilhaberechten. Steigende Kosten und Spardebatten dürften nicht dazu führen, dass Menschen mit Behinderungen wieder stärker ausgegrenzt werden. „Gleichberechtigte Teilhabe ist kein Nice-to-have, sondern ein Grundrecht“, sagt Dietrich Bauer, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Sachsen. Bereits jetzt ist der Kostendruck enorm hoch.“
Als Beispiel benennt der evangelische Wohlfahrtsverband die 20 diakonischen Beratungsstellen für Menschen mit Behinderungen in Sachsen. Sie mussten in den vergangenen Jahren vielfach ihre Angebote einschränken. Die Beratungsstellen bieten rechtliche und soziale Beratung, Begleitung zu Behörden und Ämtern und die Vermittlung zu weiterführenden Hilfen. „Qualifizierte Beratung ist der Türöffner zu Teilhabe. Sie verhindert Fehlentwicklungen, stärkt Selbstständigkeit und reduziert nicht zuletzt Kosten. Diese Perspektive kommt in aktuellen Debatten viel zu kurz.“
Die Diakonie Sachsen kritisiert, dass Menschen mit Behinderungen zunehmend als Kostenfaktor betrachtet werden. Stattdessen brauche es einen Perspektivwechsel: weg von kurzfristigen Einsparungen, hin zu nachhaltigen Lösungen.
„Die Diskussion muss wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden“, so Bauer. „Prävention und frühzeitige Unterstützung sind nicht nur menschlich geboten, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Wir werben an dieser Stelle für einen effizienten und verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Geldern. Die öffentlich gewordenen Vorschläge von Bund, Ländern und Kommunen sehen das genau nicht vor, sondern folgen stattdessen nur einer kurzfristigen Sparlogik.“
Stadt und Land: Teilhabe unter Druck
Auch diakonische Einrichtungen vor Ort berichten von wachsendem Druck – sowohl in urbanen als auch in ländlichen Regionen.
Die Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte gGmbH ist ein seit über 30 Jahren etablierter Träger von Kindertagesstätten, Jugendhilfeangeboten und Schulen, gehört zur BBW-Leipzig-Gruppe und verzeichnet einen steigenden Bedarf an Beratung und Unterstützung, während Ressourcen stagnieren oder gekürzt werden. Tobias Schmidt, Hauptgeschäftsführer der BBW-Leipzig-Gruppe betont: „Gerade in komplexen Lebenslagen ist qualifizierte Beratung entscheidend, damit Menschen ihre Rechte überhaupt wahrnehmen können. Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention klar verpflichtet. Dieses Versprechen darf kein Lippenbekenntnis bleiben. Wenn Leistungen infrage gestellt und Unterstützungsstrukturen geschwächt werden, droht Inklusion zur leeren Hülle zu werden.“
Ähnliche Herausforderungen zeigen sich auch im ländlichen Raum, wo tragfähige Strukturen oft besonders verletzlich sind. „Teilhabe und Inklusion wirken ganz konkret. In unseren inklusiven Gruppen und Netzwerken entfalten Menschen ihre Persönlichkeit und erleben Selbstwirksamkeit – mit spürbarem Nutzen für unser Zusammenleben. Dafür brauchen wir auch künftig verlässliche Partner sowie stabile Unterstützungs- und Beratungsangebote vor Ort, die wir seit über 30 Jahren aufgebaut und weiterentwickelt haben“, so Katja Wiedemann, Vorständin der Diakonie Auerbach. „Teilhabe ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht – und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Demokratie.“
Inklusion ist Maßstab für Gerechtigkeit
Die Diakonie Sachsen ruft Politik und Gesellschaft dazu auf, den Protesttag als Mahnung zu verstehen: Inklusion darf nicht relativiert werden.
„Gerade in Zeiten politischer und finanzieller Unsicherheit entscheidet sich, welchen Stellenwert Menschenrechte haben“, so Bauer abschließend. „Eine inklusive Gesellschaft ist Maßstab für Gerechtigkeit und Menschlichkeit – und daran müssen wir uns messen lassen.“
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