Steigender Unterstützungsbedarf trifft auf angespannte Beratungsstrukturen und fehlende Therapieplätze – Diakonie Sachsen drängt auf verlässliche Unterstützung und mehr Prävention
Zum Weltkindertag am 20. September macht die Diakonie Sachsen darauf aufmerksam, dass Kinder und Jugendliche für ein gutes und gesundes Aufwachsen verlässliche Unterstützung brauchen. Doch gerade dort, wo Familien Hilfe suchen, geraten die Angebote zunehmend unter Druck. Die Diakonie Sachsen warnt deshalb davor, bei Beratung, Prävention und niedrigschwelligen Hilfen zu sparen. „Hinter jeder langen Wartezeit steht ein Mensch, der gerade Unterstützung braucht. Wenn Hilfe zu spät kommt, werden Probleme häufig größer und ihre Bewältigung schwieriger, langwieriger und damit teurer“, sagt Dietrich Bauer, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Sachsen.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei der psychischen Gesundheit junger Menschen. Neben den weiterhin spürbaren Folgen der Corona-Pandemie belasten Kinder und Jugendliche unter anderem schulischer Druck und soziale Konflikte. Auch soziale Medien spielen eine Rolle. Ihre Nutzung kann mit hohem Erwartungsdruck und einer geringeren Konzentrationsfähigkeit einhergehen. Angst- und Essstörungen werden deutlich häufiger diagnostiziert. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die einen Schulbesuch verweigern, steigt. Gleichzeitig fehlen vielerorts passende Unterstützungsangebote für Familien und Therapieplätze. Die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz kann bis zu neun Monaten betragen.
Erziehungsberatung: Wenn aus einer kurzen Hilfe eine lange Begleitung wird
Fehlen passende Hilfen, werden Schulen, Schulsozialarbeit, Familienzentren und Erziehungsberatungsstellen zu Auffangstellen für Kinder, Jugendliche und Familien. Gerade die Erziehungsberatung ist als niedrigschwelliges Angebot angelegt, das Kindern, Jugendlichen und ihren Bezugspersonen frühzeitig Unterstützung bietet. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Gleichzeitig wurden Beratungskapazitäten reduziert, weil die Kommunen unter finanziellem Druck stehen.
„Unsere Beratungsstellen versuchen, möglichst viel aufzufangen. Doch die Kapazitäten sind vielerorts erschöpft. Ein zeitnahes Terminangebot ist häufig nicht möglich“, so Ute Lämmel, Referentin für Psychologische Beratung der Diakonie Sachsen. Weil Therapieplätze sowie weitere Angebote der Kinder- und Jugendhilfe nicht ausreichend zur Verfügung stehen oder nur mit sehr langen Wartezeiten erreichbar sind, bleiben Ratsuchende länger in der Beratung. Dadurch sinken die Kapazitäten für weitere Familien, während die Belastung der Mitarbeitenden steigt.
Der steigende Unterstützungsbedarf macht sich auch in anderen Bereichen bemerkbar. Für viele Schülerinnen und Schüler ist die Schulsozialarbeit eine erste Anlaufstelle bei psychischen Belastungen und Erkrankungen. Gleichzeitig werden eine zeitnahe Weitervermittlung an externe Fachstellen ebenso wie eine ausreichende Krisenintervention immer schwieriger. So geratenzunehmend mehrere Bereiche unter Druck, die eigentlich ineinandergreifen und sich gegenseitig ergänzen sollen.
Auch bei den Hilfen zur Erziehung geraten die Strukturen zunehmend an ihre Grenzen. Suchen Familien Unterstützung über das Jugendamt, treffen sie in vielen Regionen auf ein ebenfalls stark belastetes System. Sind dort die Kapazitäten für eine frühzeitige und fachliche Bedarfsermittlung begrenzt, besteht die Gefahr, dass Probleme zu spät erkannt werden und später umfangreichere und kostenintensivere Hilfen notwendig sind.
Unterstützungssysteme stärken statt Probleme verschieben
Der evangelische Wohlfahrtsverband sieht deshalb einen dringenden Bedarf an frühzeitiger und bedarfsgerechter Unterstützung. „Wer Kinder und Jugendliche frühzeitig stärkt, investiert in ihre und damit auch in unsere Zukunft. Wir können heute bei Prävention und Beratung sparen. Die Probleme sparen wir damit aber nicht weg. Wir verschieben sie nur und schaffen damit häufig zusätzliches Leid und deutlich höhere Folgekosten“, sagt Bauer.
Frühzeitige Unterstützung ist nicht nur sozialpolitisch notwendig, sondern auch wirtschaftlich. Wenn Kinder und Jugendliche den Anschluss verlieren und teilweise die Schule ohne einen Abschluss verlassen, hat das langfristige Folgen für Bildung, Teilhabe und den Arbeitsmarkt. Mehr als 3.200 junge Menschen verlassen in Sachsen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. Das ist nicht allein eine Folge fehlender sozialer Unterstützung, zeigt aber, wie eng Bildung, soziale Situation und Zukunftschancen miteinander verbunden sind. „Kinder und Jugendliche sind die Generation, die unser Land künftig tragen wird. Gesundes Aufwachsen ist deshalb keine private Angelegenheit, sondern eine politische Aufgabe“, betont Bauer abschließend.
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