05.06.2019

Produktionsschulen sind gebrauchte Chancengeber

 

7. Sächsischer Produktionsschultag erfolgreich zu Ende gegangen

„Die Jugendlichen sind schlechte Noten, Diagnosen und Sprüche wie ´Kannst Du nicht` gewöhnt – aber niemanden, der ihnen wirklich zuhört und gemeinsam mit ihnen eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben erarbeitet!“
Dr. Martin Koch von der Universität Hannover legte in seinem Fachvortrag „Bedarf und Möglichkeiten von Produktionsschulen in Sachsen – Anregungen für die Politik“, im Rahmen des  7. Tag der sächsischen Produktionsschulen in Radebeul dar, dass der Graubereich von „ausbildungsplatzunversorgten“ Jugendlichen auch in Sachsen sehr hoch ist. Die Gründe dafür seien vielfältig, viele Betroffene tauchten in keiner Statistik auf.
Deshalb sind Produktionsschulen als Orte besonderer Bildung so wichtig. Denn dort werden Jugendliche, die nur unzureichende oder keine Schulabschlüsse haben, auf den Start in eine Ausbildung und in das Erwerbsleben vorbereitet. Sie bekommen dort eine andere, eine dritte Chance. Die Produktionsschulen sind keine Schule im eigentlichen Sinn, sondern verbinden Arbeiten, Lernen und sozialpädagogische Begleitung – ein hochanregendes Bildungskonzept.  „Genau das brauchen sie: jemanden der sich für sie interessiert und fragt: Wie hat er oder sie die Welt kennengelernt? Nur von dort aus lassen sich dann sinnvolle, individuelle Förderkonzepte „stricken“. Denn Lernen ist handelnde Erfahrung!“, beschreibt Koch überzeugend das pädagogische Konzept.
„Die Produktionsschule ist meine einzige Chance“, sagt ein 17jähriger Produktionsschüler. „Ich bin von der Schule geflogen, häufig wegen Ladendiebstahls erwischt worden… Keine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Das hier ist jetzt meine letzte Chance. Und die werde ich nutzen. Ich will einen Abschluss und einen Beruf“, sagt er mit fester Stimme.  Auch eine 25jährige Produktionsschülerin aus dem Vogtland bekräftigt, dass sie mit ihren 25 Jahren ohne Schulabschluss aber mit kleinem Sohn niemals Ausbildungsreife erreicht hätte. „Im Juli mache ich meinen Abschluss und anschließend beginne ich eine Krankenpflegeausbildung. Den Vertrag habe ich schon in der Tasche“, berichtet sie stolz.
Zwei Beispiele von vielen. Über den Sinn von Produktionsschulen wurde denn auch in dem sich anschließenden Gespräch mit den Politikern Alexander Dierks, Generalsekretär der Sächs. CDU und Sozial- und jugendpolitischer Sprecher, Sabine Friedel (SPD), Bildungspolitische Sprecherin, Volker Herold, Bündnis 90/DIE GRÜNEN und dem Radebeuler Stadtrat Daniel Borowitzki (Die LINKE) nicht gestritten. Vielmehr ging es darum, sie als festen Bestandteil der Bildungsstruktur in Sachsen zu etablieren und die Arbeit zu verstetigen. Das Produktionsschulprogramm läuft Ende 2020 aus und muss dann wieder neu beantragt werden: Ein Umstand der seitens der Sozialarbeiter heftig beklagt wurde: „Wir haben keine Planungssicherheit und müssen viel Zeit darauf verwenden, Förderanträge zu schreiben. Wertvolle Zeit, die wir eigentlich für unsere Schülerinnen und Schüler bräuchten!“ Hier konnten sich sowohl Sabine Friedel als auch Alexander Dierks vorstellen, von der Projetförderung auf eine institutionelle Förderung oder mindestens auf eine fünfjährige Förderperiode umzustellen. Sabine Friedel betonte: „Unsere Gesellschaft muss wieder einen anderen Blick auf Soziale Arbeit und ihren Wert für die Gesellschaft werfen!“ Auch Alexander Dierks sah neben dem individuellen Gewinn auch den volkswirtschaftlichen Sinn der Produktionsschulen. „Wir haben so wenige junge Menschen, wir brauchen jeden und jeder kann etwas für unsere Gesellschaft beitragen!“
Da es an diesem Tag neben Erfahrungsaustusch auch um politische Bildung gehen sollte hatten die Jugendlichen auch Gelegenheit, den anwesenden Politikern ihre ganz persönlichen Fragen zu stellen. Zentrales Anliegen war die Entkriminalisierung von Cannabisbesitz für den persönlichen Gebrauch. Aber auch ein bedingungsloses Grundeinkommen, gleiche Löhne für alle oder die Besteuerung von Renten, die langwierigen Aushandlungsprozesse von Kompromissen in einer Demokratie wurden diskutiert. 


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