03.06.2019

„Albtraum Miete“ – Aktionswoche Schuldnerberatung

 

Diakonie legt zum Auftakt der diesjährigen Aktionswoche Schuldnerberatung den Lebenslagenbericht der 18 diakonischen Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen vor

Das Grundrecht auf bezahlbaren Wohnraum steht im Mittelpunkt der alljährlichen bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatung, die in diesem Jahr vom 3. bis zum 7. Juni unter dem Thema „Albtraum Miete“ stattfindet. „Die steigenden Mietkosten sind häufig Grund für eine einsetzende Verschuldung. Doch Wohnung ist Rückzugsort, das Zuhause, der eigene Schutzraum und für viele Menschen wird es immer schwieriger – vor allem in den Ballungszentren mit extrem steigenden Mieten – diesen Schutzraum zu erhalten. Was also, wenn die eigene Wohnung gefährdet ist, weil Mietzahlungen nicht mehr geleistet werden können? Oder wenn bereits Mietschulden aufgelaufen sind? Das ist eine existenzielle Krise, in der Betroffene dringend Unterstützung und Beratung brauchen“, sagt Rotraud Kießling, zuständige Referentin bei der Diakonie Sachsen. Darüber hinaus entstünden Mietschulden beispielsweise bei SGB-II-Haushalten häufig auch deshalb, „weil bei Überschreitung der Angemessenheitsgrenzen die Differenz aus dem Regelsatz gezahlt werden muss, auch wenn es gar keinen Wohnraum im Rahmen der Angemessenheitsgrenze gibt.“
Kießling weist zum Auftakt der Aktionswoche Schuldnerberatung noch einmal eindringlich darauf hin, dass sich die Rahmenbedingungen für die Schuldnerberatung in Sachsen verbessern müssen: „Unser Bericht aus den diakonischen Schuldnerberatungsstellen dokumentiert Jahr um Jahr, dass die Wartezeiten für eine Beratung viel zu lang sind, weil die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichen. Zudem werden die dort zu Sprache gebrachten Problemlagen immer komplexer. Dabei ist Überschuldung eine Lebenskrise, die keinen Aufschub duldet. Wenn eine Befreiung aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist, bedeutet das Verzweiflung und soziale Isolation. Da geht es nicht nur um die Klärung der finanziellen Dinge, sondern auch um psychosoziale Unterstützung.“
Die Gesamtzahl der Beratenen ist im Vergleich zum Vorjahr auf 3.370 kontinuierliche Fälle (2017: 3.168) gestiegen. Mehr als ein Drittel der Beratenen bezog Lohn/Gehalt ohne weitere ergänzende Transferleistungen. Ihr Anteil stieg zum Vorjahr von 33 auf 37 Prozent. Die Einführung des Mindestlohns verringerte die Abhängigkeit von ergänzenden Grundsicherungsleistungen – allerdings sank der Anteil der sogenannten „Aufstocker“ nur geringfügig von 7 auf 5 Prozent.
Junge Erwachsene bis 25 Jahre sind laut Bericht mit einem Anteil von 14 Prozent in den Schuldnerberatungsstellen vertreten. „Das weist auf eine prekäre Lebenslage bereits zu Beginn des Erwachsenenalters hin. Finanzielle Probleme, die teilweise auch durch fehlende Finanzkompetenz entstanden sind, führen nicht selten zu Suchterkrankungen“, sagt Kießling. Dann müssten mit der Suchtberatung vernetzte Hilfen greifen. Nach den Erkenntnissen der Diakonie ist der Anteil der über 65-jährigen im letzten Jahr von 6 auf 10 Prozent gestiegen – für Kießling ein Hinweis, dass das Thema Altersarmut zunimmt und zunehmend in eine Schuldenspirale führt.
Der Anteil der Familien war mit 37 Prozent immer noch sehr hoch (2017: 41 Prozent). „In diesen Familien lebten 777 Kinder und damit waren 183 Kinder mehr betroffen als im Vorjahr. Schon als Kind sich in einer derart prekären Lebenslage zu befinden, bedeutet, Benachteiligung, Ausgrenzung und reale Armut (fast) von Lebensbeginn an zu spüren“, resümiert Kießling. Fast jede fünfte beratene Person war alleinerziehend – schon per se ein Überschuldungsrisiko. Während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung Sachsens 8 Prozent ausmacht, war er in den Beratungsstellen mit 19 Prozent mehr als doppelt so oft vertreten.
Prävention, die entsprechenden Rahmenbedingungen auch hinsichtlich des vorhandenen sozialen Wohnraums, im alltäglichen Wirtschaften, im Finanzverkehr sowie ein bedarfsgerecht ausgestattetes Hilfesystem wären Maßnahmen, dem Problem der Überschuldung wirkungsvoll zu begegnen.

Den gesamten Bericht finden Sie als pdf-Datei hier.

Weitere Informationen: Rotraud Kießling, Tel.: (0351) 8315 178, www.aktionswoche-schuldnerberatung.de

Veranstaltungshinweis: Die Podiumsdiskussion „Ohne Wohnung bist Du ein Nichts“ der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Leipzig (in Kooperation mit Caritas, DRK, VZS und Jugendhaus Leipzig) findet am 6. Juni 2019, 14 bis 16 Uhr im Sozialamt der Stadt Leipzig statt.



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