Diakonie Sachsen

24.03.2014 | „Lieber unperfekt starten als perfekt warten!”

Von einer Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Sachsen würden alle profitieren

Vor fünf Jahren, am 26. März 2009, wurde die UN-Behindertenrechtskonvention für Deutschland bindend im Sinne des Völkerrechts. Deutschland machte sich damit auf den Weg, Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung: mit dem damit verbundenen Paradigmenwechsel – Menschen mit Behinderungen nicht länger in „Sonderwelten“ auszugrenzen, sondern von Anfang an als dazugehörend anzusehen und zu behandeln – standen sowohl grundsätzliche Haltungen wie bestehende Strukturen auf dem Prüfstand. Betroffene Menschen und ihre Angehörigen hegten große Erwartungen an die Wirksamkeit der Konvention - dass sie tatsächlich jene Barrieren überwinden helfe, die ihnen ein gleichberechtigtes Mitleben im „Normalbetrieb“ der Gesellschaft ermöglicht.

„Ein kritischer Blick auf die Lebensrealität von Menschen mit Behinderungen zeigt, dass zwischen dem rechtlichen Anspruch und der tatsächlichen Gleichstellung noch eine große Lücke klafft. Das beginnt bei den Bildungschancen, Arbeitsmöglichkeiten, der Wohnsituation und ihrer Barrierefreiheit, führt weiter über die gesundheitliche Versorgung hin zur politischen Mitwirkung. Kurz, es betrifft unsere Gesellschaft insgesamt und zielt auf den Abbau der Barrieren in unseren Köpfen“, resümiert Diakonie-Chef Christian Schönfeld. Er vermisse nach wie vor ein deutliches Ja von Politik und Gesellschaft zu dem Grundgedanken, der hinter der Behindertenrechtskonvention steht. „Allerdings ist Inklusion zu einem Mode- und Reizwort in den Auseinandersetzungen zwischen Leistungsträgern, Leistungserbringern und Betroffenen geworden, etwa wenn es um die Fortentwicklung bestehender Strukturen wie Ambulantisierung, Regelbeschulung, erster Arbeitsmarkt oder Bundesteilhabegesetz geht. Inklusion ist sicherlich nie vollkommen zu verwirklichen – und dennoch gilt es daran zu arbeiten und sie nicht als eine soziale Utopie zu belassen. Aber deswegen erst gar nicht damit anzufangen – das geht nicht. Inklusion soll verwirklicht werden, so gut es geht - doch davon sind wir noch meilenweit entfernt. Damit sie wachsen kann, muss ein Prozess in Gang gesetzt, verantwortlich geführt und vorangetrieben werden. Das vermisse ich in Sachsen – denn dazu bräuchte es eine Umsetzungsstrategie, so wie es im Grundlagenpapier „Sachsen weiterdenken“ angedeutet wird. Doch ohne ein ambitioniertes planerisches und koordiniertes Vorgehen bleibt alles dem Zufall und dem Engagement Einzelner überlassen.“

Gerade diakonische Träger der Behindertenhilfe haben besondere Chancen zu Inklusion, weil sie mit den Kirchgemeinden direkte Brücken in das Gemeinwesen vor Ort haben. „Hier passiert auch einiges und es gibt gute Vorbilder und Aktionen, wie Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich dazugehören. Aber wir wollen auch die Menschen ansprechen, die in Politik und Gesellschaft Verantwortung tragen.“

In diesem Zusammenhang würdigte Schönfeld das Engagement der Herrnhuter Diakonie. Sie hat mit vielen Partnern in der Region Herrnhut einen regionalen Aktionsplan entwickelt, wie bis Ende 2018 der Gedanke der Inklusion im Alltag des Gemeinwesens der Region verwirklicht werden könnte. Unter dem Motto „Es ist normal, verschieden zu sein“ werden wichtige Arbeitsfelder unter dem Aspekt des barrierefreien Zusammenlebens von Menschen mit und ohne Behinderungen unter die Lupe genommen und verändert: Wohnen und Wohnumfeld (barrierefreies Gemeinwesen, barrierefreie Wohnangebote), Bildung (barrierefreies Lernen in gemeinsamen Begegnungs- und Lernräumen für Kinder mit und ohne Förderbedarf, wie beispielweise einer integrativen Grundschulklassen), Arbeit (mehr Praktikumsplätze für Förderschüler, Gründung einer Schülerfirma, Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen und Lernschwierigkeiten im Gemeinwesen; Gründung einer Integrationsfirma usw.), Gesundheit (uneingeschränkter Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung und Schulung der Einrichtungen des Gesundheitswesen auf die Erfordernisse von Menschen mit Beeinträchtigungen), Freizeit und Kirche (Öffnung aller Freizeitangebote, Sportliche Höhepunkte inklusiv gestalten, Öffnung der Gemeindegruppen und des ehrenamtliches Engagement usw.) sowie Bewusstseinsbildung zum Abbau der mentalen Barrieren (Bürgerversammlungen, Presseberichte, Botschafter für das „Reich der (Herrnhuter)Sterne“ usw.)

Dabei können selbstverständlich nicht alle Maßnahmen sofort umgesetzt werden. Aber alle müssen spezifisch, messbar, attraktiv für alle, realistisch und terminiert sein.

„In Herrnhut wird einfach mal angefangen – frei nach dem Motto: Lieber unperfekt starten als perfekt warten. Das ist großartig und wenn die Menschen in der Region merken, dass sie alle von einer inklusiven Gesellschaft profitieren, geht davon ein wichtiges Signal aus“, so Schönfeld abschließend.

Weitere Informationen:
Herrnhuter Diakonie, Peter Tasche, 035873/46-0.

Diakonie Sachsen, Dorothee Wiedmann, Referentin für Behindertenhilfe Wohnen, Tel.: 0351/8315-132.

 
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