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28.11.2014 | Landesbischof Bohl: Wir dürfen crystal-abhängige junge Menschen nicht alleine lassen!

Bischof fordert adäquates Hilfesystem und Nachsorgeeinrichtungen

Als „bestürzend und schockierend zugleich“ bezeichnet es Landesbischof Jochen Bohl, dass crystalabhängige suchtkranke Menschen in Sachsen kein adäquates Hilfesystem vorfinden. Bohl ließ sich im Rahmen seiner Visitation der Diakonie Sachen im grenznahen Zittau über den aktuellen Stand, Situation und Therapiemöglichkeiten informieren.

"Das Problem, dass leider immer mehr junge Menschen zu Crystal greifen, ist seit fast zehn Jahren bekannt und die Zahlen der Erkrankten haben sich seit 2009 von 1494 auf 4262 verdreifacht. Aber nach wie vor gibt es Sachsen keine Aufstockung der Hilfen im bisherigen System der Suchtkrankenhilfe für diese Menschen. Das heißt, derzeit werden 5.000 Menschen mitversorgt, aber zulasten anderer Abhängigkeitskranker, für die dann ebenfalls keine ausreichenden Möglichkeiten der Hilfe und Therapie mehr zur Verfügung stehen. Das größte Problem aber ist, dass es für die Zeit nach Entgiftung und Therapie, also gerade in der für crystal-erkrankte Menschen so wichtigen Zeit der Nachsorge, überhaupt keine Angebote gibt. Dabei brauchen die zumeist doch noch sehr jungen Menschen gerade in dieser Phase eine intensive Begleitung und Unterstützung um zurück in ihr Leben zu finden und in ihrer Persönlichkeit entsprechend nachzureifen. Wenn hier nichts passiert, werden wir viele junge Menschen an die Droge verlieren, weil sie immer wieder rückfällig werden“, warnt Bohl.

Der Landesbischof sprach im „Come-back e.V.“ Zittau, einer diakonischen Einrichtung der Suchthilfe mit Beratungsstelle, Wohnstätte, Tagesstruktur sowie ambulant betreutem Wohnen, mit vier jungen, ehemals crystalabhängigen Männern, die hier „systemwidrig“ diese dringend benötigte Nachsorge erhalten. Durch die langfristige und intensive sozialtherapeutische Betreuung - verbunden mit einer individuellen Tagesstruktur im Beschäftigungs- und Freizeitbereich – wird die soziale Reintegration und Stabilisierung erreicht. „Ich glaube, dass ich bald wieder in meinen Beruf als Koch zurückgehen kann“, sagt einer von ihnen, der mittlerweile seit drei Monaten wieder vier Tage in der Woche in einem Hotel arbeitet. Auch die anderen drei wurden immer wieder rückfällig, haben aber jetzt die Hoffnung auf ein normales Leben ohne Drogen. „Ein zufriedenes Leben in Abstinenz wieder zu entdecken und zu festigen, dauert gerade bei ehemals crystalabhängigen Menschen sehr lange, weil die Droge immens gehirnschädigend ist und demenzähnliche Auswirkungen hat. Zwei bis vier Jahre dauert es, bis die hirnorganischen Schäden überwunden sind. In dieser Zeit brauchen diese jungen Menschen ein Zuhause, das sie begleitet und dabei unterstützt, in ein eigenverantwortliches Leben zurück zukehren“, sagt Einrichtungsleiter Frank Ufer.

Fachleute, wie Helmut Bunde, Referatsleiter für Suchtkrankenhilfe bei der Diakonie Sachsen, schätzen, dass es in Sachsen mindestens 50 stationäre Nachsorgeplätze speziell für crystalgeschädigte junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren geben müsste. „Doch die Sozialpolitik hat sich der Situation verweigert.“

„Hier muss dringend etwas geschehen“, appelliert der Landesbischof an die politisch Verantwortlichen, „wir können nicht drei Prozent junger Menschen jedes Jahrgangs aufgeben!“

Hintergrund:
Die Zahl der Crystal-Abhängigen, die das sächsische Suchthilfesystem - mit Beratungsstellen, psychiatrischen Krankenhäusern und stationären Rehabilitationseinrichtungen - aufsuchen, hat sich seit 2009 verdreifacht. Derzeit befinden sich etwa 6000 Menschen im Hilfesystem - also Menschen, die von sich aus um Hilfe nachgesucht haben. 2013 waren es rund 5000 Menschen. Der Altersdurchschnitt der Crystal-Konsumenten, die eine Suchtberatungsstelle aufsuchen, liegt bei 25 Jahren, der Anteil der Frauen bei 34 Prozent. Durchschnittlich sechs Jahre Abhängigkeit liegen dann aber bereits hinter ihnen. Wieviel junge Sächsinnen und Sachsen die Droge Crystal derzeit tatsächlich konsumieren, ist ungewiss. Fachleute schätzen die Dunkelziffer als sehr hoch ein. Insgesamt wurden im Vorjahr in den 45 sächsischen Suchtberatungsstellen rund 27 000 Menschen behandelt - vor allem wegen Alkoholproblemen. Die Beratungsstellen haben sich auf die steigende Crystal-Problematik und auf einen veränderten Beratungsablauf eingestellt. Da es keine Personalerhöhungen gibt und der Aufwand bei Crystal- Abhängigen etwa ein Vierfaches gegenüber Alkohol-Abhängigen beträgt, können Alkohol-Abhängige nicht mehr adäquat versorgt werden. Wartezeiten verlängern sich und viele Hilfesuchende kommen daher zu spät und mit weiteren Folgeerkrankungen in das Suchthilfesystem. Auch in den psychiatrischen Krankenhäusern (Entgiftungsbehandlung) wurden teilweise eigene Behandlungsstationen für crystal- und drogenabhängige Menschen eingerichtet – eine Umwidmung, die ebenfalls zu Lasten der Therapieplätze für Alkohol-Abhängige ging.

Im Bereich der stationären Rehabilitation Alkohol- und Drogen-Abhängiger wurde die Platzkapazität für Drogen-Abhängige entsprechend erhöht. Weil aber in den Suchtberatungsstellen alkoholabhängige Menschen verdrängt wurden, wurden auch weniger Therapieanträge für Alkoholkranke gestellt. Die Folge sind Umwidmungen von Betten für Alkoholabhängige in Betten für Drogenabhängige. Nicht vorhanden sind stationäre Nachsorge und begleitende Angebote zur Integration für crystalabhängige Menschen. Dabei ist das bei ihnen ganz besonders wichtig, weil sie zum einen noch sehr jung sind und häufig eine Schul- oder Berufsausbildung nachholen müssen, zum anderen aufgrund der nur langsamen Heilung der hirnorganischen Schäden für einige Jahre mit stationärem Wohnen, Tagesstruktur und Beschäftigung unterstützt werden müssten. Hierfür gibt es keine Plätze. Sinnvoll wären hier sozialtherapeutische Wohnstätten, die auf diese besondere Personengruppe der 18 - 35-Jährigen eingeht und die nötigen Wege zurück in ein eigenverantwortliches Leben ebnet

 
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