Diakonie Sachsen

06.06.2013 | „Schuldnerberatung könnte einen wesentlich größeren Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten”„

Diakonie Sachsen legt zu Beginn der Aktionswoche ihre Bilanz der Schuldnerberatung 2012 vor

„Die Aktionswoche der Schuldnerberatung fällt in eine Zeit, in der viele Menschen in Flutgebieten die Rückkehr eines Albtraumes erleben. Trotz einer beeindruckenden Hilfsbereitschaft untereinander werden die derzeitigen Wassermassen Menschen zurücklassen, die mit erheblichen Verlusten und Einbußen leben müssen. Die damit verbundenen Sorgen können physisch und psychisch krank machen. Insofern brauchen wir professionelle Beratungen, unter anderem auch Schuldnerberatungsstellen, die Wege aus Verschuldungen aufzeigen und mit ihrer Hilfe Betroffenen neue Perspektiven eröffnen", so Christian Schönfeld, Chef der Diakonie in Sachsen.

In 14 diakonischen Schuldnerberatungsstellen (SB) haben 46 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit

28,77 Vollzeitstellen (VZÄ) im Jahr 2012 3762 Fälle kontinuierlich beraten. 2036 Fälle waren aufgrund der Komplexität der Problemlagen noch aus dem Vorjahr, 1726 Fälle konnten neu aufgenommen werden. Insgesamt wurden 5996 Kurzberatungen durchgeführt. „Über die Hälfte aller Hilfesuchenden waren Alleinerziehende oder Familien. Insgesamt waren mindestens 1215 (2011 waren es noch 840) Kinder mit betroffen. Für die Kinder sind die Notlagen sehr hart, da sie teilweise bereits in Haushalten lebten, in denen der Strom abgeschaltet war und keinerlei Ressourcen mehr vorhanden waren.“, sagt Rotraud Kießling, zuständige Referentin bei der Diakonie Sachsen. Jeder sechste Betroffene war unter 25 Jahre alt. „Das heißt der Einstieg ins Erwachsenendasein beginnt für diese jungen Menschen mit hohen Schulden, einem Schufa-Eintrag und der jahrelangen Abhängigkeit von Gläubigern.“

Etwa jeder 5. Hilfesuchende bezog Lohn/ Gehalt bzw. war selbstständig. Prekäre Arbeitsverhältnisse mit Niedrigeinkommen führten in ausweglose Notlagen. Die Zunahme dieser Gruppe von 16 % in 2009 auf 23 % zeige deutlich, dass mit der Zunahme von Armutslebenslagen die Spaltung der Gesellschaft kontinuierlich fortschreite.

Als Hauptauslöser für Überschuldung nennt Kießling dennoch Arbeitslosigkeit, Sanktionen bei Jugendlichen und Bedarfsgemeinschaften, Scheidung, Trennung und Krankheit. Für Menschen in prekären Lebenslagen bedeuteten Mietschulden und Schulden bei Energieversorgern häufig einen weiteren Schritt in Richtung Überschuldung.

Die Schuldnerberatung könnte ihrer Ansicht nach einen weitaus größeren Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten – wenn denn ein flächendeckendes Hilfenetz zur Verfügung stünde. „Derzeit erreichen wir nur ungefähr 15 % aller Betroffenen.“

Überschuldete Menschen seien erheblichem Stress und psychischem Druck ausgesetzt und oft genug leide auch ihre körperliche Gesundheit. Die kritische Lebenssituation belaste Partnerschaften und Familien und störe nicht zuletzt auch häufig eine gesunde Entwicklung betroffener Kinder.

„Eine professionelle Begleitung reguliert daher nicht nur Schulden, sondern hilft, die Existenzgrundlage nachhaltig zu sichern und Lebenssituation zu verbessern – kurz: entwickelt Perspektiven und ermöglicht einen richtigen Neustart. Nicht nur zugunsten der überschuldeten Menschen, sondern auch im Interesse der Gesellschaft, da auch Gläubiger, Justiz und Sozialsystem von einer bedarfsgerecht ausgestatteten Schuldnerberatung profitieren. Diese Arbeit trägt wesentlich zur Armutsbekämpfung bei und nützt am Ende auch den öffentlichen Haushalten", so Kießling weiter.

Doch nicht nur die Kapazitäten für die notwendige Beratung seien in keinster Weise ausreichend. Auch der Zugang müsse für alle überschuldeten Menschen gesichert sein. „Menschen mit einem regelmäßigen Einkommen ohne SGB-II-Bezug ist der Zugang zur kostenlosen Schuldnerberatung teilweise verwehrt. Von ihnen erwartet man, dass sie auf eigene Kosten präventive Maßnahmen ergreifen. Das aber können sie gerade nicht.“, kritisiert Kießling.

Auch die Zahl der außergerichtlichen Einigungen ist seit dem dramatischen Einbruch 2011 nur wenig gestiegen (von 592 auf 662) und entspricht dem eigentlichen Bedarf nicht. Denn nur elf der Schuldnerberatungsstellen sind auch anerkannte Insolvenzberatungstellen. Nur vier davon werden überhaupt vom Freistaat Sachsen gefördert, die anderen – bis auf eine - erhielten über Kooperationsverträge Mittel von anderen Schuldnerberatungsstellen. „Die veränderte gesetzliche Grundlage für die Insolvenzberatung schränkt seit 01.01.2011 die flächendeckende Ausstattung in allen anerkannten SB ein und baut zusätzliche Zugangshürden zur InsO-Beratung auf. Für immer mehr Klienten heißt das, ihnen bleibt der Weg zur Restschuldbefreiung versperrt.“, resümiert Kießling. Damit erweise sich die vom Freistaat Sachsen gestrichene gesetzliche Finanzierungsgrundlage für die InsO-Beratung und die Umstellung auf eine Förderung je nach Haushaltslage als ein weiterer gravierender Einschnitt in das Hilfeangebot – und das bei steigendem Bedarf.

Weitere Informationen: Rotraud Kießling, Tel.: 0351/8315-178.

Bericht und Statistik 2012 der diakonischen Schuldnerberatungsstellen finden Sie als pdf-Datei im Anhang; ebenso das von Diakonie Deutschland erarbeitete Positionspapier "Soziale Sicherung von Kindern und Jugendlichen" - es zeigt auf, wie einfach, transparent und zielgenau Armut von Kindern und Jugendlichen mittels familienpolitischer Leistungen wirksam verhindert werden könnte.

 
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