Diakonie Sachsen

12.09.2013 | Fallzahlen steigen: Lebenslagen wohnungsloser Menschen in Sachsen verschärfen sich weiter

„Es wäre langweilig, wenn es nicht so traurig wäre. Jedes Jahr vermelden wir es wieder neu: Die Lebenslagen von wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen werden in Sachsen immer schlechter. Auch diesmal ist die Zahl der Beratungsfälle wieder gestiegen.“ Rotraud Kießling, zuständige Referentin bei der Diakonie Sachsen weist daraufhin, dass sich seit dem Beginn der diakonischen Statistik im Jahr 2005 die Fallzahlen kontinuierlich erhöht haben. „Obwohl wir mit unseren Zahlen ja nur einen Teil der Problematik abbilden, da wir mit unserem Hilfenetz nicht in jedem Landkreis vertreten sind.“

So wurden im Berichtszeitraum 2012 2.365 Menschen (Vorjahr: 2.231) in zehn Beratungsstellen beraten und unterstützt. Unter Berücksichtigung der mit betroffenen Partner erhöht sich die Zahl auf mindestens 3.191 Personen (Vorjahr: 2.806). Auch die Zahl der mitbetroffenen Kinder stieg von 373 auf 461.

Die Diakonie bietet in insgesamt 29 Einrichtungen unterschiedliche Hilfen für wohnungslose oder von

Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen an. Als Belege einer schleichenden Verschärfung der Problemlage werden der Anteil von Betroffenen gesehen, die bereits wohnungslos sind (mehr als jeder zweite), der Anteil der betroffenen Frauen (er ist weiter von 31 % auf 34% gestiegen) und der überdurchschnittlich hohe Anteil junger Menschen unter 25 Jahren (18 %).

„Mit drohender oder bereits bestehender Wohnungslosigkeit gehen immer Lebenslagen einher, die von einer Fülle komplexer Probleme gekennzeichnet sind: Arbeitslosigkeit, Krankheit, wirtschaftliche Probleme, Sucht, soziale Isolation und Diskriminierung. Lebenslagen also, die durch Einkommensarmut und soziale Ausgrenzung gekennzeichnet sind. Deshalb konnten nur 64 % der Beratungen in 2012 abgeschlossen werden. Die anderen dauern noch an“, sagt Rotraud Kießling.

Die Wohnungslosenhilfe hat das erklärte Ziel, Wohnungslosigkeit zu überwinden und ein Leben ohne fremde Hilfe zu ermöglichen. „Durch eine intensive, kontinuierliche Begleitung, wie wir sie in den Kontakt- und Beratungsstellen sowie den 458 vorgehaltenen Plätzen des ambulant und stationär betreuten Wohnens anbieten, kann dies auch gelingen. Aber das Angebot an Hilfen ist völlig unzureichend. Die Gefährdung der Wohnung ist eine extrem verunsichernde Situation und gefährdet die Existenz grundsätzlich. Mit der Wohnung gehen Schutzraum, Rückzugsmöglichkeit und Privatsphäre verloren, sowie ein Großteil des Besitzes“, so Kießling weiter.

Die größte Gefahr für den Wohnungsverlust ist nach wie vor der SGB-II-Bezug. „Obwohl die Übernahme der Kosten der Unterkunft geregelt ist, sind Vollzugsdefizite in der Gewährung der Grundsicherung, Unterkunftskosten, die nicht die Realität abbilden oder die seit Januar 2012 möglich gewordene

Aufrechnung des Mietkautionsdarlehens mit der Regelleistung bzw. die Verweigerung der Zahlung die häufigsten Gründe, warum Menschen ihre Wohnung verlieren. Und dann fallen sie aus dem Melderegister einfach heraus. `Unbekannt verzogen´. Doch die Menschen verschwinden nicht einfach. Die Diakonie hat aber immer größere Schwierigkeiten, neuen Wohnraum für sie zu finden. Kommunen und Landkreise müssen sich daher auf ihre wohnungspolitische Verantwortung besinnen und genügend Sozialwohnungen vorhalten“, so Kießling.

Die Diakonie Sachsen verstehe die Wohnungslosenhilfe nicht nur als ein Angebot der personenbezogenen sozialen Dienstleistung. „Die Notlage Wohnungslosigkeit ist nicht isoliert und lediglich als individuelles Versagen zu sehen. Sie ist auch das Resultat eines stetigen Verarmungsprozesses ohne ausreichenden Zugang zu unterstützenden und tragenden Ressourcen. Wer ein weiteres Anwachsen von Wohnungslosigkeit und Armut verhindern will, muss bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen verändern und Unzulänglichkeiten der Gesetzgebung und Rechtspraxis abstellen.“

So sollte eine bundesweite Statistik zu Wohnungslosigkeit mit Auswertungsmöglichkeiten für einzelne Bundesländer und die örtlichen Sozialhilfeträger eingeführt werden - auch um die strukturellen und überindividuellen Auslöser von Wohnungslosigkeit genauer zu dokumentieren. „Dazu sollte der Freistaat seine Sozialberichterstattung wieder aufnehmen – sie ist eine wichtige Voraussetzung, um die Ursachen von Armut und Wohnungslosigkeit in Sachsen zu erkennen und wirksam bekämpfen zu können“, so Kießling abschließend.

Weitere Informationen: Rotraud Kießling, Tel.: 0351/8315-178.


 
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