Diakonie Sachsen

27.09.2012 | „Unbekannt verzogen”?! – Lebenslagen wohnungsloser Menschen in Sachsen haben sich weiter verschärft

Der Trend ist schleichend, aber deutlich: Die Lebenslagen von wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen werden in Sachsen schlechter. Mittlerweile ist jede zweite Rat suchende Person bereits wohnungslos. Das ergibt die Auswertung der Diakonie Sachsen für das Jahr 2011. In insgesamt 29 Einrichtungen bietet sie unterschiedliche Hilfen für wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen an. Als Belege einer schleichenden Verschärfung der Problemlage werden der wachsende Anteil von Betroffenen gesehen, die bereits wohnungslos sind (er stieg gegenüber dem Vorjahr von 48 % auf 54 %), der Anteil der betroffenen Frauen (von 30 % auf 31 %) die Zahl der Kinder (334 auf 373) und der Anteil derjenigen, die aus einer Institution entlassen, direkt auf der Straße landen (von 8 % auf 12%). 2.268 Menschen (Vorjahr: 2.340) wurden in zehn Beratungsstellen beraten und unterstützt. Unter Berücksichtigung der mit betroffenen Partner und Kinder erhöht sich die Zahl auf mindestens 2.806 Personen (Vorjahr: 2.798).

„Mit drohender oder bereits bestehender Wohnungslosigkeit gehen immer Lebenslagen einher, die von einer Fülle komplexer Probleme gekennzeichnet sind: Arbeitslosigkeit, Krankheit, wirtschaftliche Probleme, Sucht, soziale Isolation und Diskriminierung. Lebenslagen also, die durch (extreme) Armut und soziale Ausgrenzung gekennzeichnet sind. Deshalb konnten nur 62 % der Beratungen abgeschlossen werden. Die anderen dauern noch an“, sagt Rotraud Kießling, zuständige Referentin bei der Diakonie Sachsen. Die Wohnungslosenhilfe hat das erklärte Ziel, Wohnungslosigkeit zu überwinden und ein Leben ohne fremde Hilfe zu ermöglichen. „Durch eine intensive, kontinuierliche Beleitung, wie wir sie in den Kontakt- und Beratungsstellen sowie den 458 vorgehaltenen Plätzen des ambulant und stationär betreuten Wohnens anbieten, kann dies auch gelingen. Aber das Angebot an Hilfen ist völlig unzureichend. Die Gefährdung der Wohnung ist eine extrem verunsichernde Situation und gefährdet die Existenz grundsätzlich. Mit der Wohnung gehen Schutzraum, Rückzugsmöglichkeit und Privatsphäre verloren sowie ein Großteil des Besitzes“, so Kießling weiter. Besonders beschämend und furchtbar sei dies für betroffene Kinder. „In vielen Fällen ist der Strom bereits abgeschaltet und es ist skandalös, dass erst die Wohnungslosenhilfe eingreifen muss, damit sich die vorrangig zuständigen Kinder- und Jugendhilfen in Bewegung setzen.“

Als größte Gefahr für die Wohnung hat sich der SGB-II-Bezug erwiesen. „Obwohl die Übernahme der Kosten der Unterkunft geregelt ist, sind Vollzugsdefizite in der Gewährung der Grundsicherung, Unterkunftskosten, die nicht die Realität abbilden oder die seit Januar 2012 möglich gewordene Aufrechnung des Mietkautionsdarlehens mit der Regelleistung bzw. die Verweigerung der Zahlung die häufigsten Gründe, warum Menschen ihre Wohnung verlieren. Und dann fallen sie aus dem Melderegister einfach heraus. `Unbekannt verzogen´. Doch die Menschen verschwinden nicht einfach. Die Diakonie hat aber immer größere Schwierigkeiten, neuen Wohnraum für sie zu finden. Kommunen und Landkreise müssen daher endlich ihre wohnungspolitische Verantwortung wahrnehmen und genügend Sozialwohnungen vorhalten“, so Kießling abschließend.

Die Diakonie Sachsen fordert daher, dass zuerst Kontakt zu den entsprechenden Beratungsstellen aufgenommen wird, bevor Kürzungen durch das Jobcenter verhängt werden. Nötig sei zudem eine sächsische Wohnungsnotfallstatistik, die die schwierige Lebenslage von Menschen in Wohnungsnot erfasst, um den Bedarf an sozialpolitischen Maßnahmen und Hilfe ermitteln zu können.

Wie wirksame Hilfe umgesetzt werden kann, ist Thema einer Fachtagung aller Wohlfahrtsverbände in Sachsen an diesem Freitag, 28. September 2012, unter dem Titel „ …Sie haben Ihr Ziel erreicht! – Vom Erfolg der Hilfe für Personen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten.“ Über deren Ergebnisse erfolgt eine gesonderte Information.

Weitere Informationen: Rotraud Kießling, Tel.: 0351/8315-178.

 
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