Diakonie Sachsen

05.07.2012 | 20 Jahre diakonische Schwangerschafts(konflikt)beratung: Es gibt immer weniger „Wir“-Gefühl

Fast alle der 20 diakonischen Schwangerschafts(konflikt)beratungsstellen können in diesen Tagen auf 20 Jahre Beratungstätigkeit zurückblicken. „In unseren Beratungsstellen spiegelt sich die Verfasstheit dieser Gesellschaft wie in einem Brennglas wider“, sagt Wilfried Jeutner, zuständiger Referent bei der Diakonie Sachsen. „Insofern ist es spannend, nach dem zu fragen, was sich in 20 Jahren Beratung verändert hat, beziehungsweise nach dem, was über all die Jahre gleich geblieben ist.“

„Die ratsuchenden Frauen wollen es immer gut machen. Es soll eine Entscheidung sein, die richtig ist. Und dabei wollen wir ihnen helfen: Eine verantwortliche Entscheidung zu fällen, mit der die Frau auch später weiterleben kann. Daran hat sich nichts geändert“, so formuliert es Cornelia Kühn von der Beratungsstelle in Freiberg. Deshalb ist die Zahl der Fälle (11381 in 2011) seit vielen Jahren auch nahezu konstant geblieben (11261 in 2008).

Geändert habe sich, dass die Konfliktberatung keine freiwillige mehr ist, sondern die schwangeren Frauen dazu gesetzlich verpflichtet sind. „Sie kommen also zu uns, weil sie müssen.“ Ebenfalls geändert hat sich nach übereinstimmender Wahrnehmung der Beraterinnen: „Frauen leben zunehmend in Unsicherheit und mit mangelndem Rückhalt. Das gilt sowohl für ihre materielle Lage als auch für die Stabilität der Partnerschaft, die beruflichen Perspektiven und die Unterstützung durch die Familie und Freunde. In weit über der Hälfte aller Fälle ist die finanzielle Lage dramatisch angespannt und von den berufstätigen Frauen fürchten wiederum viele um ihren Arbeitsplatz. Es ist die Erkenntnis der Frauen: `Eigentlich bin ich alleine`. Was uns besonders erstaunt hat: Das gilt auch für verheiratete Frauen. Es gibt kaum noch ein Wir-Gefühl in den Partnerschaften. Jeder ist für sich verantwortlich – was sich ja letztlich auch im neuen Unterhaltsrecht widerspiegelt, “ sagt Christiane Moser von der Beratungsstelle in Dresden. „Wenn wir die Frauen fragen: Was wäre, wenn Ihr Partner fest zu Ihnen stünde – auch in finanzieller Hinsicht? Dann lautet die Antwort in mehr als 90 Prozent der Fälle: Ja, dann würde ich das Kind bekommen.“

Doch nicht nur ständige Veränderungen in der Familienkonstellation setzen Frauen zu. Auch die zunehmenden Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik oder der jetzt erst ganz neu auf den Markt gekommene Bluttest auf das Down-Syndrom haben die Beratungsinhalte in den vergangenen 20 Jahren stark verändert. „Die Frage nach der dadurch immer „einfacher“ erscheinenden vorgeburtlichen Selektion erhöht auch den Druck für die Frauen, ein „richtiges“ Kind zu bekommen. Wobei der wichtigste Einwand dagegen immer bleiben wird, dass Menschen über den Wert und damit über Tod oder Leben von noch nicht geborenen Menschen entscheiden“, sagt Ilona Berner von der Beratungsstelle in Riesa.

„Es geht in den Konfliktberatungen immer um Leben oder Tod und wir sind dazu da, den Frauen einen Schutzraum zu eröffnen und ihnen Wertschätzung und Würde zu vermitteln.“ Auch das sei gerade für einkommensarme Frauen im Hartz-IV-Bezug – und das sind ja oft Frauen in der Ausbildung - ein Problem, dass sie kein Elterngeld und jetzt auch kein Betreuungsgeld bekommen sollen: „Unsere Kinder sind dem Staat nichts wert und unsere Erziehungsleistung auch nicht“, ist dann das traurige Resümee derjenigen, die trotz geringer Ressourcen ihre Kinder gerne bekommen möchten. So verharren auch die Beratungsfälle in denen es „nur“ um eine Soziale Beratung geht seit Jahren auf gleichbleibend hohem Niveau (ca 9500 Fälle jährlich).

„Hört man den Berichten der Beraterinnen zu“, so Diakonie-Chef Christian Schönfeld abschließend, „wundert man sich nicht mehr, warum wir in Deutschland im Jahr 2011 so wenige Geburten wie nie zuvor hatten. Die Lebenssituationen der Frauen werden immer komplexer, und das Wissen um die wachsenden Risiken des Misslingens in Partnerschaft und Beruf lässt viele Frauen vor einem (weiteren) Kind zurückschrecken.“ Familienfreundlich und mütterfreundlich, das seien die Maßstäbe an denen sich alle politischen Entscheidungen auszurichten hätten, wenn sich dieser Trend endlich umkehren sollte.


Hinweis an die Radaktionen: Den ausführlichen Bericht und die Statistik der diakonischen Schwangerschafts(konflikt)beratungsstellen für das Jahr 2011 finden Sie als pdf-Datei PDF-Dokumenthier.

Auf Wunsch vermitteln wir auch gerne Kontakte zu Beraterinnen.

Weitere Informationen: Wilfried Jeutner, Tel.: 0351/8315-180.




 
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