Diakonie Sachsen
Menschlichkeit braucht Unterstützung

06.01.2011 | Schlechtreden und abschaffen? Ein-Euro-Jobs sind weder Königsweg noch Sackgasse

„Die neuerdings betriebene Verteufelung von Ein-Euro-Jobs ist unsinnig. Sie sind zwar kein Königsweg, um langzeitarbeitslose Menschen sicher wieder auf den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Sie sind aber auch keine Sackgasse, sondern eine Chance, Menschen, die längere Zeit nicht gearbeitet haben, ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen und damit letztlich doch wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“ Michael Melzer, zuständiger Referent für Arbeit bei der Diakonie Sachsen sieht daher die Ankündigung des Bundesarbeitsministeriums, Ein-Euro-Jobs künftig um zwei Drittel zukürzen und ab 2013 ganz einzustellen mit sehr gemischten Gefühlen.

Und Christian Hoppe, bei Stadtmission Chemnitz zuständig für Arbeits- und Qualifikationsprojekte, ergänzt: „Hier wird etwas wegrationalisiert, ohne sinnvolle Alternativen aufzuzeigen.“ Das Jobcenter Chemnitz hat bereits angekündigt, noch in diesem Jahr 1500 der zuletzt 3000 Ein-Euro-Jobs in Chemnitz streichen zu wollen. Hoppes Erfahrungen mit den Ein-Euro-Jobs in den vergangenen fünf Jahren sind aber durchaus positiv: „Wenn die Leute von der ARGE zu uns geschickt werden, brauchen sie meistens ein Vierteljahr um bei uns anzukommen und sich wieder an einen regelmäßigen Tagesablauf zu gewöhnen. Im zweiten Vierteljahr läuft es dann fast immer richtig gut und die Qualifizierungsanteile werden wahrgenommen. Deshalb hatten wir auch regelmäßig Vermittlungen in richtige Arbeitsverhältnisse.“ Eine 20prozentige Erfolgsquote sei ohnehin von der ARGE angestrebt, in einer der letzten Maßnahmen sei es aber gelungen, mehr als 45 Prozent der betreuten langzeitarbeitslosen Menschen zu vermitteln.

Die Stadtmission Chemnitz hat ihre Arbeitsgelegenheiten im Rahmen von zusätzlichen handwerklichen Tätigkeiten, im hauswirtschaftlichen Bereich und früher in der zusätzlichen Betreuung von alten Menschen im Altenheim angesiedelt. Auch junge Menschen wären nach dem halben Jahr bei der Diakonie häufig in echte Ausbildungsverhältnisse übernommen worden: „Wichtig ist, dass sich die Menschen mit ihren Wünschen und Zielen ernst genommen fühlen und man schaut, was sich machen lässt. Und für viele war der Ein-Euro-Job eine echte Chance. So kann man sagen: Mit den Ein-Euro-Jobs war nicht alles gut, aber bei weitem auch nicht alles schlecht“, resümiert Hoppe. .

„Wenn bei der Vermittlung von langzeitarbeitslosen Menschen neue Wege beschritten werden sollen, ist das dringend nötig und zu begrüßen. In Sachsen sind davon rund 72 000 Menschen betroffen. Aber wir sehen die Alternativen zu den nun plötzlich gar nichts mehr geltenden Ein-Euro-Jobs nicht.“, sagt Michael Melzer. „Wenn Ein-Euro-Jobs Teil einer auf den Einzelfall ausgerichteten Eingliederungsstrategie sind, bleiben sie sinnvoll. Arbeitsmarktpolitische Instrumente müssen zuverlässig finanziert werden und dürfen nicht ständig zur Verfügungsmasse kurzfristiger politischer oder fiskalischer Kalküle werden“, so Melzer abschließend.

Rechercheangebot für die Redaktionen: Falls Sie für Ihre eigene Berichterstattung betroffene Menschen und Einrichtungen kennen lernen möchten, sind wir Ihnen gerne behilflich.

Hintergrund: Im Rahmen von Hartz IV wurden für Personen, die Arbeitslosengeld II beziehen, die so genannten Ein-Euro-Jobs geschaffen.
Im Amtsdeutsch werden diese als "Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung" bezeichnet. Damit soll Arbeitslosen die Möglichkeit gegeben werden, zum ALG II etwas hinzuzuverdienen und am Arbeitsleben wieder aktiv teilnehmen zu können. Erklärtes Ziel ist es, durch diese Beschäftigung den Weg in ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis zu finden. Bei den Ein-Euro-Jobs werden rund ein bis zwei Euro pro Stunde bezahlt, die als Mehraufwandsentschädigung definiert werden. Die maximale Arbeitszeit beträgt 30 Stunden pro Woche. Wer mehr als 15 Stunden pro Woche in einem Ein-Euro-Job arbeitet, wird nicht mehr in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit als Arbeitsloser geführt. In der Regel dauert eine derartige Beschäftigung 6 bis 9 Monate. Ein Arbeitsvertrag wird nicht abgeschlossen. Wird das Angebot nicht angenommen, kann das Arbeitslosengeld II gekürzt werden. Bei diakonischen Trägern und Einrichtungen gibt es momentan ca. 1700 Ein-Euro-Jobs in den Bereichen Garten- und Landschaftsbau, Forst- und Waldarbeiten, Wohnumfeld-Verbesserung und Kleinreparaturen sowie Hausmeisterdiensten
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