Diakonie Sachsen
Menschlichkeit braucht Unterstützung

15.06.2011 | „Ich schäme mich manchmal regelrecht, das sagen zu müssen”

Schwangerschaftsberaterinnen der Diakonie Sachsen ziehen nach einem halben Jahr Hartz-IV-Reform Bilanz

Bestürzt, verzweifelt, gekränkt – das sind die Reaktionen, wenn die Beraterinnen den schwangeren Frauen, die kein eigenes Einkommen haben, erzählen müssen, dass sie kein Elterngeld mehr bekommen. Seit Januar 2011 werden die 300 Euro monatlich komplett mit dem Regelsatz verrechnet, sind also de facto gestrichen.

„Es betrifft ja nicht nur Frauen, die von Hartz-IV leben, es betrifft junge Frauen in der überbetrieblichen Ausbildung, Studentinnen oder Frauen, die länger als ein Jahr in der Erziehungszeit sind und jetzt noch einmal ungeplant schwanger werden genauso. Der Wegfall des Elterngeldes ist eine krasse Minderung des Familieneinkommens von dem die meisten betroffenen Frauen nichts wissen,“ sagt Ilona Berner von der Beratungsstelle in Riesa. „Die Anrechung des Elterngeldes auf den Regelsatz ist wie schon die Anrechung des Kindergeldes eine zum zweiten Mal bewusst herbeigeführte Schlechterstellung von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen während ihrer Familiengründung keine Erwerbstätigkeit oder nur ein geringes Erwerbseinkommen haben. Da werden mit den Steuergeldern Unterschiede zwischen Eltern und Eltern gemacht: Menschen, die ALG II beziehen oder über kein eigenes Einkommen verfügen, sind offenbar Menschen, die es nicht wert sind, in der Phase der Familiengründung unterstützt zu werden.“ Ulrike Kawczyk aus der Beratungsstelle Löbau rät den betroffenen Eltern, den Mund aufzumachen und den Frust zurückzugeben: „Schreiben Sie Frau von der Leyen!“

Ihre Kollegin Cornelia Kühn aus Freiberg sagt dagegen: „Ich erlebe da oft eine ganz tiefe Resignation. Die Kraft zum Aufbegehren fehlt einfach, weil es die ganze Kraft der Frauen erfordert, ihr schwieriges Leben zu meistern. Wenn ich den Frauen dann noch sagen muss: ´Sie müssen den Antrag trotzdem stellen, obwohl Sie das Geld nicht bekommen`- dann tauchen manche einfach ab. Sie gehen weg und kommen nie wieder. Was wird aus denen? Ich schäme mich manchmal regelrecht. Die Frauen haben ein gutes Gefühl dafür, dass ihre Kinder und ihre Erziehungsleistung dieser Gesellschaft offenbar gar nichts wert ist – anders als die einer Frau, die ein hohes Einkommen hat und bis zu 1800 Euro Elterngeld pro Monat erhält.“

Dass die Bundesregierung seit einem halben Jahr das Elterngeld bei den Einkommensschwächsten spart, wird auch auf der Homepage „Familienfreundliches Sachsen“ (www.familie.sachsen.de) verschwiegen: Dort steht immer noch zu lesen: „Mütter und Väter ohne Einkommen erhalten eine Mindestleistung in Höhe von 300 Euro.“ Von einer Aufrechnung mit dem Regelsatz kein Wort.

Insgesamt machen alle Beraterinnen die Erfahrung: „Es wird immer mehr gerechnet. Querbeet um den Bereich sozialrechtliche Leistungen von Schwangeren, Alleinerziehenden und Familien, Schwangere im Elternhaus, Auszug unter 25jähriger, Erstausstattung, vorrangig zu beantragende Leistungen, Darlehen usw.. Es ist belastend zu erleben, wenn die Zeit der Schwangerschaft, die ja eine Zeit der Vorfreude auf das Kind sein sollte, vor allem von finanziellen Sorgen geprägt ist.“

Nach ihrer vorgelegten Statistik haben die 20 anerkannten Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen der Diakonie Sachsen im Berichtszeitraum 2010 11809 Personen beraten. Damit ist die Zahl geringfügig gesunken (2009: 12.643 Personen), zugenommen hat aber der Anteil allein lebender Frauen mit Kindern – er stieg innerhalb nur eines Jahres von 17 auf 25 Prozent.

Weitere Informationen: Wilfried Jeutner: Tel.: 0351/8315-180;

 
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