Diakonie Sachsen
Diakonie in Sachsen der soziale Dienst der Ev.-Luth. Landeskirche in Sachsen

17.09.2010 | ...und morgen ohne Wohnung?

Diakonie Sachsen legt zu Beginn der bundesweiten Kampagne „Der Sozialstaat gehört allen!“ die Lebenslagenstatistik 2009 der Wohnungslosenhilfe vor

Auch wenn sie in keiner offiziellen Statistik des Freistaates mehr auftauchen – es gibt sie doch. Und jedes Jahr werden sie mehr: Menschen, die keine Wohnung mehr haben oder denen der Verlust ihrer Wohnung droht. „Der Sozialstaat gehört wirklich allen – aber wer erst einmal seine Wohnung verloren hat, ist ohne Hilfe schnell ganz am Ende. Das Arbeitsgebiet Wohnungslosenhilfe spiegelt die Spaltung unserer Gesellschaft am deutlichsten wider. Da hilft es auch nichts, wenn man aufhört, wohnungslose Menschen zu zählen“, sagt Diakonie-Chef Christian Schönfeld, anlässlich der Veröffentlichung der neuen Lebenslagenstatistik der diakonischen Wohnungslosenhilfe. 2246 Menschen fanden demnach bei den 16 Angeboten (nur Kontakt- und Beratungsstellen und Betreutes Wohnen) der diakonischen Wohnungslosenhilfe Hilfe, Beratung und Unterstützung. 2841 Personen waren es, wenn man Partner und Kinder der Hilfesuchenden dazurechnet. „Unsere Beratungsstellen arbeiten längst über der Kapazitätsgrenze. Die Zahl der Betroffenen steigt stetig an, die mit der Wohnungslosigkeit häufig verbundenen Problemlagen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, einen fehlende materielle Existenzsicherung usw. werden immer komplexer und dennoch können wir statt der nötigen kontinuierlichen Begleitung manchmal nur eine Krisenintervention anbieten. Was uns besonders schmerzt, sind wohnungslose Kinder. In 11 Prozent der Haushalte, die die Wohnungslosenhilfe aufsuchten, lebten 407 Kinder, 78 davon waren bereits wohnungslos“, so Schönfeld weiter.

Doch die Staatsregierung lasse extreme Armut und die Zunahme von Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot unbeachtet. „Unsere Zahlen erfassen nur diakonische Angebote. Eine offizielle Statistik zur Erfassung der Wohnungslosigkeit muss dringend wieder eingeführt werden, damit die Hilfeangebote entsprechend dem Bedarf angeboten werden können“, fordert der Diakonie-Chef.

Besorgniserregend sei auch, dass immer mehr junge Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind: 33 Prozent der Wohnungslosen und 20 Prozent der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen sind unter 27 Jahre alt. Der Grund liegt in den verschärften Sanktionen der Agentur für Arbeit - in nicht wenigen Fällen betragen sie 100 Prozent des Regelsatzes. „Unsere Zahlen signalisieren eine deutliche Zunahme: Mehr als ein Drittel der Menschen, die diakonische Angebote der Wohnungslosenhilfe nutzen, sind junge Menschen unter 25 Jahren. Das ist umso erschreckender, weil damit klar wird, dass die vorrangigen Hilfe-Angebote für Jugendliche oftmals nicht greifen“, ergänzt Rotraud Kießling, zuständige Referentin bei der Diakonie Sachsen. „Die Hälfte aller Hilfesuchenden hat überhaupt keine eigene Wohnung mehr, der anderen Hälfte droht der Verlust der bisherigen Wohnung. 79 Prozent hatten keine Arbeit. 64 Prozent der Betroffenen lebten vom Arbeitslosengeld II“, so Kießling weiter.

Doch jeder habe einen Anspruch auf Hilfe. Auch „Personen, bei denen besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind“, wie das Sozialgesetzbuch XII Menschen beschreibt, die sich in Fußgängerzonen, Einkaufspassagen oder Unterführungen aufhalten, die auf Parkbänken, unter Brücken oder in abbruchreifen Häusern schlafen müssen. „15 Prozent aller Wohnungslosen machten Platte. Sie lebten also ohne soziale Kontakte irgendwo draußen - meist als Störung betrachtet und von öffentlichen Plätzen und Straßen vertrieben. Schon bevor das im Winter lebensbedrohlich wird, brauchen sie Hilfe. Am besten in aufsuchender Form. Doch Straßensozialarbeit wird von kaum einem Kostenträger finanziert“, beklagt Kießling die Situation. „Hier ist politisches Umdenken nötig. Diese Menschen haben ein Recht auf Hilfe. Sie sind keineswegs nur als Opfer von Witterungsunbilden zu sehen, was eine Unterbringung im Obdachlosenheim und eine Versorgung in Suppenküchen und Kleiderkammern erforderlich macht. Und damit muss es dann auch gut sein. Nein, diese Menschen haben Rechtsansprüche und sie sind ihnen zu gewähren.“ Kießling weiß um die Vollzugsdefizite, wenn es um Gewährung der Grundsicherung und Sozialhilfe geht oder die Kosten der Unterkunft an Angemessenheitsgrenzen scheitern, die keinerlei Realitätsbezug haben.

„Wenn Wohnungslosigkeit in Sachsen nicht noch weiter zunehmen soll, müssen die örtlichen Sozialhilfeträger angemessene Kosten für die Unterkunft und die tatsächlichen Nebenkosten von Hartz-IV-Empfängern zahlen“, ist die Referentin überzeugt.

Die Diakonie Sachsen veröffentlicht ihren Bericht zur Lebenslage wohnungsloser Menschen pünktlich zum bundesweiten Kampagnenstart der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. „Der Sozialstaat gehört allen! – Menschen in Armut und Wohnungsnot haben ein Recht auf Wohnen, Arbeit und Gesundheit!“ In über 100 Städten wird es Aktionen und Veranstaltungen von Verbänden und Initiativen der Wohnungslosenhilfe geben, die auf die unhaltbare Situation von wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen hinweisen sollen. Zentraler Aktionstag wird der 23. September 2010 sein. Auch die Wohnungslosenhilfe der Stadtmission Zwickau e.V. lädt an diesem Tag am Schuhmannplatz in Zwickau zu ihrem Aktionstag „Armut zeigen!“ ab 14 Uhr herzlich ein.

Weitere Informationen: Rotraud Kießling, Tel.: 0351/8315-178.

 
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