Diakonie Sachsen
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28.08.2015 | Bei der Betreuungsqualität in Kitas hat Sachsen noch einen weiten Weg vor sich / Diakonie fordert klare Qualifikationen für Assistenzkräfte in der Krippe

„Ein Trippelschritt! Zwar in die richtige Richtung - aber: Was wir bräuchten, um unseren hoch angespannten Alltag in den Einrichtungen zugunsten der Kinder und der permanent überlasteten Erzieher zu verbessern, wäre ein weiter Sprung nach vorne!“ Manuela Herrmann, Leiterin des Evangelischen Kindergartens der Lukasgemeinde in Dresden, rechnet vor, dass die zum 01.09. September 2015 in Kraft tretende erste Stufe der Veränderung des Personalschlüssels von 1:13 auf 1:12,5 im Alltag zu kaum spürbaren Verbesserungen führen wird.

Die Betreuungsqualität in Kindertageseinrichtungen hängt entscheidend davon ab, wie viele Kinder auf eine Fachkraft kommen und welche Qualifikationen diese Fachkraft für ihre pädagogische Arbeit mitbringt. Ganz besonders gilt das für Babys und Krippenkinder. „Deshalb sind wir auch traurig darüber, dass dort in Bezug auf den Betreuungsschlüssel in den nächsten zwei Jahren überhaupt nichts besser werden soll.“

Auch der aktuelle „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann Stiftung bescheinigt sächsischen Kitas bei den unter Dreijährigen die bundesweit ungünstigsten und Kindern ab drei Jahren die bundesweit zweitungünstigsten Betreuungsverhältnisse.

Laut den Ergebnissen kommen auf eine vollzeitbeschäftigte Kita-Fachkraft in Sachsen durchschnittlich 6,5 ganztags betreute Krippen- oder 13,6 Kindergartenkinder. Das tatsächliche Betreuungsverhältnis im Kita-Alltag fällt freilich noch weit ungünstiger aus als der rechnerische Personalschlüssel. Erzieher und Erzieherinnen verwenden ca. ein Viertel ihrer Zeit für Beobachtung und Dokumentation, für Eltern- und Teamgespräche und Weiterbildung – Urlaubs- und Krankheitstage noch gar nicht mitgezählt. Zudem ist der Personalschlüssel auf einen 9-Stunden Betreuungsplatz ausgelegt, Vor- und Nachbereitungszeiten werden nicht gewährt. Eine in Vollzeit angestellte Erzieherin arbeitet aber nur acht Stunden. Sachsen bleibt damit weit davon entfernt, kindgerechte Betreuungsverhältnisse zu erreichen. Denen zufolge sollte bei unter Dreijährigen eine Erzieherin für höchstens drei Kinder verantwortlich sein. Für die Altersgruppe ab drei Jahren sollte der Personalschlüssel nicht schlechter als 1 zu 7,5 sein.

„Davon sind wir meilenweit entfernt und werden es in absehbarer Zeit auch nicht erreichen. Dass aber den Jüngsten – nämlich den Krippenkindern von der Politik so wenig gegönnt wird, ist fatal. Entwicklungspsychologisch gesehen sind diese frühen Jahren lebensentscheidend und wir täten als Gesellschaft sehr gut daran, hier endlich umzudenken“, sagt Manuela Herrmann.

Noch ist das Gegenteil der Fall. Denn ab dem 01.09.2017 dürfen bis zu 20 Prozent der Personalstellen in Krippen mit Assistenzkräften besetzt werden. Unklar ist, welche Qualifikation diese 'Assistenzkräfte' haben müssen, um in der Krippe zu arbeiten. Fest steht, dass sie nur unter Anleitung arbeiten dürfen – was erneut Arbeitszeit der Fachkräfte bindet. Diakonie und Evangelische Landeskirche drängen daher bereits jetzt darauf, hier eindeutige Qualifikationsanforderungen an diese Nichtfachkräfte zu entwickeln.

„Natürlich ist die Ausbildung allein nicht ausschlaggebend für die Qualität der pädagogischen Arbeit. Wichtig sind auch die individuellen Kompetenzen der Assistenzkräfte wie Feinfühligkeit, intuitives Verständnis für Kinder und deren Bedürfnisse, Warmherzigkeit, methodisches Geschick und vieles anderes mehr“, sagt Nadja Helmer pädagogische Mitarbeiterin bei der Diakonie Sachsen. Doch je jünger ein Kind sei, umso sensibler sei es auch. „Wer mit den Kleinsten arbeitet, braucht neben all diesen Fähigkeiten eben auch viel Wissen – sonst findet keine pädagogische Arbeit statt, sondern nur Verwahrung. Ein pädagogisches Grundlagenwissen sollte daher gewährleistet sein, wenn künftig Assistenzkräfte in den Kindertageseinrichtungen eingesetzt werden.“

Und: Je jünger ein Kind ist, umso wichtiger ist die Konstanz der Betreuungsperson. „Insbesondere Krippenkinder entwickeln sich besser, wenn die ganze Zeit eine ihr vertraute Fachkraft ("Bezugserzieherin") in der Nähe ist. Nur eine stabile Bindung an eine Person, dem das Kleinkind vertraut, weil es prompt und sensibel auf seine Bedürfnisse reagiert, verhindert schlimme Bindungsstörungen im Erwachsenenalter.“

„In Kindertageseinrichtungen sollte es generell wenig Personalwechsel geben“, sagt Leiterin Herrmann. Aber derart ungünstige Betreuungsverhältnisse wie in Sachsen erhöhten auch die Belastung der Kita-Fachkräfte. „Die Folge sind hohe gesundheitliche Risiken und damit verbundene Krankenstände – was die Situation dann weiter verschärft.“

„Kirche und Diakonie stehen in besonderer Weise an der Seite von Familien mit Kindern und vor allem an der Seite der Kinder selbst – denn sie haben ja kein eigenes politisches Mandat“, sagt Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz, der zuständige Dezernent für Kinder, Jugend, Bildung und Diakonie. „Unsere Kitas sind herausragenden Lebensräume für Kinder und wir leisten mit ihnen seit vielen Jahren einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag als öffentliche Bildungsorte im Freistaat Sachsen – deshalb wollen wir in der politischen Diskussion auch entsprechend gehört werden!“

Um Entscheidungsträger gerade für die Belange der Allerkleinsten zu sensibilisieren, werde die Diakonie Sachsen im April zu einem wissenschaftlichen Fachtag einladen, bei dem die wichtigsten und neuesten Erkenntnisse der Bindungsforschung und ihre Konsequenzen für die frühkindliche Betreuung vorgestellt werden.

 
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