Diakonie Sachsen
Podiumsdiskussion zum Thema Dunkle Vergangenheit – Mahnung für gegenwart und Zukunft!

„Dunkle Vergangenheit – Mahnung für Gegenwart und Zukunft“

„Dunkle Vergangenheit – Das nationalsozialistische „Euthanasie“-Programm und die Rolle der Inneren Mission in Sachsen

Auch aus kirchlichen Heimen transportierten die Nationalsozialisten Menschen mit Behinderung ab, um sie zu ermorden. Mit einer Podiumsveranstaltung erinnerte die Diakonie Sachsen an dieses Kapitel ihrer bald 150-jährigen Geschichte.

„Wir mussten dann für die zum Abtransport Bestimmten die wenigen Habseligkeiten packen. Dazu nähten wir einen Unterrock unten zusammen und dahinein kamen die Sachen. Alle wurden am Tag vor der Abholung gebadet. Wir mussten ihnen ein Pflaster mit ihrem Namen auf den Rücken kleben. Am nächsten Vormittag, einem Donnerstag, wurden sie von einem Bus mit verhangenen Scheiben abgeholt(…)“. Eine Diakonisse der Heil- und Pflegeanstalt Kleinwachau schildert in einem späteren Zeitzeugenbericht jene letzten Stunden im Jahr 1940, bevor Dutzende Bewohner auf Geheiß der Nationalsozialisten abtransportiert und innerhalb des „Euthanasie“-Programms ermordet wurden.

Das Heim in der Nähe von Dresden gehörte damals zur Inneren Mission(IM) in Sachsen, dem Vorläufer der Diakonie. Insgesamt wurden aus IM-Heimen in Sachsen mehrere hundert Bewohner abtransportiert und getötet. „Indem die Innere Mission dies geschehen ließ, hat sie Schuld auf sich geladen, zu der wir uns bekennen müssen“, sagt Diakoniechef Christian Schönfeld. Die Diakonie Sachsen erinnert 2017 an die Gründung vor 150 Jahren – und will auch einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte werfen. „Dunkle Vergangenheit - Mahnung für Gegenwart und Zukunft“ lautete der Titel einer Vortrags- und Podiumsveranstaltung am 29. September 2015. Rund 60 Zuhörer fanden sich im Dresdner Haus an der Kreuzkirche ein.

westfeld_332.jpgDabei ging es um das nationalsozialistische „Euthanasie“-Programm und die Rolle der Inneren Mission in Sachsen - aber auch um die Bewertung von Leben mit Behinderung in der Gegenwart. Die Historikerin Bettina Westfeld, die an einer Studie zur Geschichte der Diakonie Sachsen arbeitet, weist auf die grundsätzliche Haltung der Inneren Mission zur Rassenideologie der Nazis hin. Demnach befürwortete die Wohlfahrtsvereinigung die Zwangssterilisationen, lehnte aber die Tötung von Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen ab. Dennoch konnte sich die Innere Mission angesichts des 1940 beginnenden Massenmordes nicht zu offenem Protest durchringen.

„Pragmatisches Handeln der leitenden Personen steht immer im Vordergrund. Das Ziel allen Handelns ist der Erhalt der Institution der Inneren Mission“, lautet eine der Kernaussagen Westfelds. Trotz Ablehnung des Mordprogramms gab es nur „stille“ und „selten wirksame“ Proteste. Häufig sei die einzige realistische Möglichkeit, Heimbewohner zu retten, nur ihre Entlassung nach Hause gewesen, sagt Westfeld. Aber die Angehörigen hätten diese Chance nur selten ergriffen, sei es aus wirtschaftlichen Gründen, aus Scham über einen behinderten Angehörigen oder der Verkennung der Gefahren, betont sie.

Die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung oder Krankheiten hat eine lange Geschichte und sie ist nicht abgeschlossen. Die Nationalsozialisten griffen längst bestehende Ideen und Theorien für ihr Mordprogramm auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die „Euthanasie“-Verbrechen nur schleppend untersucht, nur wenige Beteiligte zur Rechenschaft gezogen. Auch für Behinderte änderte sich in Deutschland unmittelbar nach dem Krieg vorerst wenig. „Die Chance zum Neuanfang wurde nicht mal angedacht“, sagt Swantje Köbsell, Professorin für Disability Studies von der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Das System sei, so wie es vor dem Krieg war, eins zu eins wieder aufgebaut worden.

Lange Zeit habe es keine Diskussion über eine Aufwertung von Leben mit Behinderung gegeben und noch lange seien auch im Westen die Lebensbedingungen in Heimen „grauenvoll“ gewesen, betont sie. Jürgen Trogisch, der Anfang der 1970er Jahre die Leitung des Katharinenhofes in Großhennersdorf ( Oberlausitz) übernahm, erinnert sich ähnlich. Er berichtet von einer sehr starken Belegung der Einrichtung, in der mehr als jeder zweite Bewohner schwerstmehrfach behindert gewesen sei. Jene hätten im Bildungssystem der DDR keine Chance gehabt. Trogisch spricht angesichts der Bedingungen von einer Spannung, die damals kaum auszuhalten gewesen sei.

Gibt es ein Lernen aus der Geschichte? Wie sehen Konsequenzen aus einer „dunklen Vergangenheit“ für Gegenwart und Zukunft aus? Sie erlebe in der heutigen Zeit eine viel größere Toleranz gegenüber Menschen mit Behinderung, sagt Anne-Katrin Olbrich von der Evangelischen Beratungsstelle der Stadtmission Dresden. Andererseits, wenn es ganz individuell darum gehe, Lasten zu tragen, werde dies häufig abgelehnt. Sie verweist auf die Pränataldiagnostik. Erhielten werdende Eltern die Diagnose, dass ihr Kind eine Behinderung habe, bekämen sie oft große Angst und versuchten, alles ungeschehen zu machen. Dabei sei das Leben mit einem behinderten Kind etwas, woran man auch wachsen könne, sagt sie.

Swantje Köbsell spricht von einer ausgesprochen paradoxen Situation in der Gegenwart. Noch nie seien Menschen mit Behinderung rechtlich so gut gestellt gewesen wie derzeit. Auf der anderen Seite gebe es die starke Entwicklung, mit vorgeburtlichen Tests möglichst viele Behinderungen von vornherein zu verhindern. Angefacht werde dies von „subtilen Erwartungshaltungen“ aus dem sozialen Umfeld. Köbsell plädiert für mehr Bildung und Aufklärung. Der scheinbaren Selbstverständlichkeit, bei der Feststellung einer Behinderung die Schwangerschaft abzubrechen, müsse entgegengewirkt werden. Eltern eines behinderten Kindes müssten zudem ausreichende finanzielle Unterstützung erhalten. Es gehe nicht um die Verteilung von Almosen, sondern um Gleichberechtigung und Menschenrechte.


 
 
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